Nach dem Unternehmensverkauf: Wer bin ich ohne meine Firma?
Nach dem Unternehmensverkauf:
Die Phase auf die wir nicht vorbereitet sind
Der Verkauf oder die Übergabe eines Unternehmens gilt meist als Abschluss. Doch was sich nach dem Unternehmensverkauf tatsächlich verändert, zeigt sich oft erst später.
Nach dem Unternehmensverkauf ist der Vertrag unterschrieben, die Verantwortung übertragen und vielleicht steht nach vielen Jahren erstmals wieder mehr Zeit zur Verfügung. Wirtschaftlich kann ein erfolgreicher Unternehmensverkauf genau das Ergebnis sein, auf das lange hingearbeitet wurde.
Und trotzdem kann danach eine Frage auftauchen, auf die im Verkaufsprozess kaum jemand vorbereitet ist:
Wer bin ich eigentlich ohne meine Firma?
Mit der Übergabe eines Unternehmens endet nämlich nicht nur eine Funktion. Oft verändert sich auch ein Teil des Alltags, der Beziehungen und des Selbstverständnisses.
Die Firma kann an einem bestimmten Tag übergeben werden, doch die eigene innere Rolle hält sich nicht unbedingt an dieses Datum.
Wenn die Firma mehr war als ein Beruf
Wer ein Unternehmen über viele Jahre aufgebaut und geführt hat, hatte nicht nur einen Job. Da waren Entscheidungen, Mitarbeitende, KundInnen, Verantwortung, Probleme, die gelöst werden mussten, und ein Kalender, der sich oft von selbst füllte. Auch die Antwort auf die Frage „Was machen Sie?“ war lange eindeutig: UnternehmerIn, GeschäftsführerIn, EigentümerIn, GründerIn.
Mit dieser Rolle können Kompetenz, Wirksamkeit, Zugehörigkeit und das Gefühl verbunden sein, gebraucht zu werden.
Deshalb verändert ein Unternehmensverkauf oder eine Übergabe mehr als Eigentumsverhältnisse und Zuständigkeiten.
Menschen, die bisher täglich angerufen haben, wenden sich plötzlich an jemand anderen. Andere treffen nun Entscheidungen, die jahrelang auf dem eigenen Schreibtisch gelandet sind. Zugleich wird der Kalender leerer. Nur die eigene Rolle darin ist eine andere geworden oder verschwunden.
Das ist keine ungewöhnliche Idee aus der Coachingwelt, denn Forschung zu unternehmerischer Identität beschäftigt sich ausdrücklich damit, wie stark eine Gründerrolle Teil des eigenen Selbstverständnisses werden kann und wie berufliche Rollenübergänge eine Neuorientierung dieses Selbstverständnisses erfordern können. (ScienceDirect)
Warum sich ein erfolgreicher Exit nach dem Unternehmensverkauf trotzdem widersprüchlich anfühlen kann
Von außen scheint die Geschichte eindeutig.
Das Unternehmen ist verkauft, die Übergabe gelungen und nun kann ein neues Kapitel beginnen.
Deshalb kann es irritieren, wenn neben Erleichterung oder Stolz auch Wehmut, Unsicherheit oder eine unerwartete Leere auftauchen. Diese Erfahrungen widersprechen einander nicht.
Auch die Wirtschaftskammer beschreibt die Übergabe eines Familienunternehmens nicht ausschließlich als wirtschaftlichen und rechtlichen Vorgang. Gerade für Übergebende können Lebenswerk, Identität und Rollenwechsel eine wesentliche emotionale Dimension der Nachfolge darstellen. (wko.at)
Ein Vertrag kann festlegen, wann Eigentum und Verantwortung übergehen. Er beantwortet nicht automatisch, wie ein Mensch eine Rolle loslässt, die ihn über Jahre oder Jahrzehnte begleitet hat.
Was in der ersten Zeit nach dem Unternehmensverkauf entsteht
Vor einem Unternehmensverkauf oder einer Übergabe gibt es viel zu klären: Bewertung, Steuern, Verträge, Finanzierung, Käufer oder Nachfolge, Übergabemodalitäten.
Für diese Fragen gibt es spezialisierte Fachleute. Und irgendwann sind die Verträge unterschrieben. Erst dann entsteht der Alltag.
Vielleicht gibt es zunächst Reisen, lange aufgeschobene Vorhaben oder einfach Erleichterung darüber, nicht mehr ständig erreichbar sein zu müssen.
Irgendwann können jedoch andere Fragen auftauchen:
Was möchte ich mit meiner Zeit anfangen?
Will ich überhaupt noch einmal ein Unternehmen führen?
Was von dem, was mich ausgemacht hat, gehört tatsächlich zu mir? Und was gehörte zu meiner Funktion?
Wo erlebe ich künftig Verantwortung und Wirksamkeit?
Welche Beziehungen bleiben, wenn die täglichen Geschäftskontakte wegfallen?
Und vielleicht die schwierigste:
Muss ich überhaupt schon wissen, was als Nächstes kommt?
Die Versuchung, die entstandene Leerstelle sofort wieder zu füllen
UnternehmerInnen sind es gewohnt, zu handeln.
Ein Problem entsteht und wird gelöst. Eine Möglichkeit erscheint und wird geprüft. Eine Lücke entsteht und wird geschlossen.
Gerade diese Fähigkeiten waren möglicherweise ein wesentlicher Teil des bisherigen Erfolgs.
Nach einem Unternehmensverkauf kann sie jedoch dazu führen, sehr schnell nach dem nächsten Projekt, Investment oder Unternehmen zu suchen.
Das kann genau richtig sein. Es kann sich aber auch lohnen, vorher eine andere Frage zu stellen:
Will ich dieses Neue wirklich oder möchte ich vor allem nicht erleben, wie sich die Leere anfühlt?
Nicht jede Übergangsphase muss möglichst schnell beendet werden, denn manchmal ist genau diese Zeit wertvoll.
Was nach dem Unternehmensverkauf bleibt
Ein Unternehmen kann verkauft werden. Die Erfahrungen daraus nicht.
Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen zu haben. Verantwortung für Menschen getragen zu haben. Verhandelt, aufgebaut, verloren, gewonnen, Fehler gemacht und neu begonnen zu haben.
Auch Wissen, Beziehungen, Urteilsvermögen und Menschenkenntnis verschwinden nicht mit der Unterschrift unter einen Kaufvertrag.
Vielleicht verändert sich lediglich die Form, in der all das künftig gebraucht wird.
Das kann ein neues Unternehmen sein, eine Beteiligung, eine Beirats- oder Mentoringrolle, eine völlig andere berufliche Aufgabe, oder zunächst gar nichts davon.
Die interessantere Frage in dieser Phase ist:
Was von dem, was ich in diesen Jahren geworden bin, möchte ich mitnehmen und was darf zurückbleiben?
Ich kenne diesen Übergang aus eigener Erfahrung
Nach dem Verkauf meiner Unternehmen empfand ich zunächst vor allem eines: Freiheit.
Nach vielen Jahren mit Verantwortung, Entscheidungen und einem Alltag, der stark vom Unternehmen geprägt war, fühlte es sich gut an, plötzlich wieder mehr Raum zu haben.
Ich musste nicht mehr ständig funktionieren, entscheiden oder etwas lösen. Doch irgendwann wusste ich nicht mehr recht, wohin mit mir.“
Also begann ich etwas Neues. Rückblickend weiß ich, dass darin nicht nur Neugier auf eine neue Aufgabe lag, sondern auch das Bedürfnis, die entstandene Leerstelle wieder zu füllen.
Erst mit der Zeit wurde mir klar: Was mir am meisten gefehlt hat, war das Gefühl dafür, wer ich bin, wenn die gewohnte Struktur und Rolle nicht mehr da sind.
Erst Jahre später verstand ich, wie stark ein unternehmerischer Übergang nachwirken kann, wenn das Alte abgeschlossen ist, aber noch keine konkrete neue Richtung da ist.
Diese Erfahrung und ähnliche, die ich seither mehrfach durchlaufen habe, prägen auch heute meine Arbeit mit Menschen, die selbst vor oder nach einem solchen Übergang stehen.
Es muss nicht sofort eine neue Antwort geben
Vielleicht gehört zu den ungewohntesten Momenten nach einem Exit, eine Zeit lang keine Antwort auf die Frage zu haben: Und was machen Sie jetzt?
Insbesondere für jemanden, der jahrelang Antworten geben und Entscheidungen treffen musste, kann gerade dieses Nichtwissen schwer auszuhalten sein.
Doch eine Übergangsphase muss nicht sofort in die nächste Rolle führen.
Es kann sinnvoll sein, zunächst zu unterscheiden:
Was spüre ich gerade, auch wenn ich es noch nicht einordnen kann?
Welche Bedürfnisse fehlen mir tatsächlich?
Woran merke ich, dass ich etwas nur aus Gewohnheit?
Was möchte ich aus meinem bisherigen Leben behalten?
Und worauf möchte ich bewusst verzichten?
Ein Unternehmensverkauf beendet eine unternehmerische Phase.
Er nimmt einem nicht die Geschichte, die man darin gelebt hat.
Am Ende bleibt eine Frage, die kein Vertrag beantwortet.
Wer bin ich eigentlich ohne meine Firma?
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